Made in Bangladesh, Arnd Wesemann

p.83 – leesmagazijn.shop

 

Als die Dieselaggregate nach einem Stromausfall ansprangen, gaben die dünnen Böden nach: Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im April 2013. Foto: Rahul Talukder

Als die Dieselaggregate nach einem Stromausfall ansprangen, gaben die dünnen Böden nach: Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im April 2013. Foto: Rahul Talukder

Neue Edition in vorbereitung 2021

MADE IN BANGLADESH

Sport ist, wenn die Arbeiterinnen in den Nähfabriken in Bangladesh wie Mannschaften um die Wette nähen – bis zur restlosen Erschöpfung. Wer die höchste Stückzahl herstellt, ist Siegerin für einen Tag. Sieger in der Kunst sind die Kreativen etwa in den Tanzstudios, die an einem Markt teilnehmen, der stets verleugnet, sich wie ein Markt zu verhalten. Über ihrem Marktplatz steht geschrieben: „Keiner hilft keinem“. Über den Nähfabriken in Bangladesh weht trotzig eine Fahne mit der Aufschrift: 

BOYKOTTIERT NICHT UNSERE PRODUKTE

Bangladeshi garment workers employed at Rana Plaza, the garment factory building that collapsed, stand in a queue to receive wages in Savar near Dhaka, Bangladesh, Wednesday May 8, 2013. Dozens of bodies recovered Wednesday from the building were so decomposed they were being sent to a lab for DNA identification, police said, as the death toll from Bangladesh’s worst industrial disaster topped 800. (AP Photo/Ismail Ferdous)

Jedes Kind weiß wenn es drei Euro für ein T-Shirt ausgibt, ist das sehr billig. Es ist saubillig. Ein Schnäppchen. Es weiß sogar, dafür wurden andere ausgebeutet. Aber werde ich nicht auch ausgebeutet? Wer hat schon so viel Geld für ein Shirt? Warum sollte ich mir mit meinem Minilohn Sorgen machen um jene Minilöhne in einem fernen Land, das kaum einer kennt? Ausgerechnet Bangladesh: Niemand fliegt dort hin, niemand will dort bleiben, niemand kehrt heim und sagt, es war schön. Es ist schrecklich. Drei Euro für ein Shirt aus einem schrecklichen Land. Mehr ist nicht drin. Drei Euro für ein korruptes Land, das es laut Transparency International gerade mal auf Rang 146 von 177 beäugten Nationen schafft. Auf diesem Platz bleibt es, solange in seinem Parlament gut ein Drittel der Abgeordneten ein, zwei oder noch mehr Textilfabriken besitzen und mit Händen und Füßen dafür sorgen, dass ihre Preise auch weiterhin verhandelbar bleiben, dass die Gewerkschaften sich zurückhalten und die Kosten so gering wie möglich bleiben. Kann man ja verstehen, bei unschlagbaren drei Euro das Shirt. 

Rana Plaza a nine-story commercial building at Savar, Dhaka collapsed on 24th April 2013. More than 1134 garment workers died and several hundreds are missing in the collapse. Savar, Dhaka, Bangladesh. 25th April 2013

Es ist ein stolzes Land 

Dessen Lobbyisten wissen, dass die Hemden, Röcke, Blusen, Kleider, Anzüge, also alles, was man „Garment Industry“ nennt, die Haupteinnahmequelle bilden für diese kleine Nation mit 60 Millionen Menschen, von Indien umarmt, vom kriegerischen Myanmar begrenzt. Lobbyisten sind sie alle: die Fabrikbesitzer, die Gewerkschaftler, auch die Arbeiter. Quer durch die Bank sprechen sie über die hohe Bedeutung dieser für sie eher teuren Kleidung. Preise sind relativ. Stolz sind sie, weil sich Bangladesh erst 1971 blutig von Pakistan befreien konnte. Heute sprechen sie über „ihre“ Fabriken in einer Art wie sonst Deutsche über „ihre“ Autoindustrie, „ihren“ Maschinenbau und „ihren“ Export reden. Wie bei uns schwingt auch dort Angst mit. Denn wäre es nicht mehr „ihre“ Industrie, „ihre“ Errungenschaft, „ihr“ Kapital, dann haben sie nichts mehr. Die drei Euro für ein Shirt sind umso faszinierender, wenn man fragt, was dieser Preis in amerikanischen und europäischen Köpfen bewirkt. In Bangladesh müssen, ganz ohne Zweifel, Korruption, Kinderarbeit und kollabierende Fabriken vorherrschen. Obwohl man weiß, dass Fließband, Rationalisierung und 3D-Drucker längst erfunden sind, kann es bei einem so über-optimierten Preis nicht anders sein: In diesem schwülen Schwemmland an der Mündung des Ganges müssen Armut, Bestechlichkeit, Cholera, Dummheit und Elend grassieren – grauenhafte Arbeitsbedingungen. Wer sie vermeiden will, neigt dazu, ein T-Shirt für zwanzig Euro zu kaufen. Oft kommt es aus der gleichen Fabrik.

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